Baumverstümmelung Teil 2- Noch mehr, was beim Baumschnitt falsch laufen kann

Weiter geht’s mit der Don’t Do Liste:

3. Stammparallele Schnitte (Missachtung des Astringes):

Wenn man einen Ast abschneidet und dabei in den Astring hinein schneidet oder ihn ganz missachtet, indem man möglichst dicht am Stamm entlang schneidet, nennt man das einen stammparallelen Schnitt. Diese Schnitte verursachen häufig schon unmittelbar deutlich größere Wunden aber haben insbesondere langfristig negative Folgen für den Baum.

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Unmittelbar größere Wunden entstehen deshalb, weil der Durchmesser der Schnittfläche hinter dem Astring ungleich größer ist. Falsche Schnitttechnik führt oft zu einem Abreißen des angeschnittenen Astes vom Stamm durch das Eigengewicht. Dabei wird oft ein längeres Stück Rinde mit heraus gerissen. Die Bruchkanten haben aufgrund ihrer Struktur eine viel größere Oberfläche als eine glatte Schnittkante. Das Einfallstor für Schadorganismen ist dadurch noch viel größer. Solche Wunden können vom Baum nicht vollständig geschlossen werden.

IMG_20181105_1313423Mit einem Stammparallelen Schnitt wird (auch ohne Abreißen) der Astring mit entfernt, in dem sich das Schutzholz bildet, das  die Wunde verschließen soll.  Auch die Astschutzzone, die das Kernholz gegen die Verotttungsprozesse im Stubben schützt (siehe unter “Aststubben stehen lassen”), wird mit entfernt. Der Baum ist schutzlos gegenüber Infektionen.

Langfristige Folgen:

Der angeschnittene Bereich wird von Pilzen befallen, die in das das Stammholz vordringen. Es kommt wieder zur zentralen Fäule. Der Baum geht ein. Hier ein schöner Link zu baumbesiedelnden Pilzen:

http://biotopholz.de/media/download_gallery/Holzzersetzende_Pilze.pdf

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Diverser Pilzbefall an einer großen Schnittwunde an einer Weide.

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<–Links: Es kommt zur Bildung von starken Kallus-Leisten- das meint nicht nur den Kallus direkt an den Schnittkanten, sondern das ganze Gewebe drum herum, aus dem sich der Kallus formiert. Links ein extremer Fall, wo das Kernholz komplett zerstört wurde. Auch das Splintholz auf der Seite reagiert auf die Verletzung und nimmt Schaden.  Das kann man leider auch nur im aufgeschnittenen Holz sehen. (Vgl. Shigo 1989)

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Bsp. für Bildung starker Kallusleisten.

Wenn Wundholz  sich zu schnell bildet, insbesondere bei länglichen  Wunden, können sich die Kallusränder einrollen (wie zwei “Widderhörner” (Shigo 1989), die auf einander prallen. Diese verhindern dann, dass die Überwallung sich schließt. Die “Widderhörner” wirken gegeneinander und spreizen wie ein Keil das Bauminnere auseinander, so dass sich innere Risse bilden. Diese inneren Risse setzen sich irgendwann nach außen durch. Starke Temperaturschwankungen können diesen Prozess beschleunigen.  Der Baum wird instabil und gefährlich. (vgl. Shigo 1989 und 1991)

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Der Bereich um den stammparallelen Schnitt verliert Energie an den Überwallungsprozess und erleiddet deshalb eine energretische Versorgungsnot. Es kann dann bei entsprechender Exposition viel schneller zu Sonnenbrand oder zu Frostrissen auf der Rinde kommen. Dieser Energiemangel bewirkt auch das Aktivieren der schlafenden Knospen unterhalb des Kallus.

Exkurs Kallus /Callus:

Kallusm [von latein. callus = Schwiele], Callus, 1) Botanik: a) Bezeichnung für pflanzliches Wund- (Wundheilung) und Vernarbungsgewebe, das als Gewebewulst durch starke Vermehrung aller an der Wundfläche grenzenden, lebenden Zellen, besonders aber der Kambiumzellen (Kambium), entsteht. Nach außen schützt sich das Kallusgewebe durch alsbaldige Ausbildung eines Korkkambiums in der Peripherie. Größere Wunden werden überwallt (Überwallung), wie z.B. Abbruchstellen von Ästen, ausgedehnte Wunden, die am Stamm bis zum Holzkörper reichen. Kallusgewebe bildet sich auch bei Pfropfungen zur Veredelung an der Verwachsungsstelle zwischen Reis und Unterlage. Aus Kallusgewebe können neue Sproß- und Wurzelanlagen gebildet werden, wie abgesägte Pappeln und Weiden häufig demonstrieren

https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/kallus/35197

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Null Überwallung oder Wundverschluss an einer sehr alten Wunde an meiner sehr alten Pflaume. Anfangende Höhlenbildung.

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Nur einseitig ausgebildeter Kallus und vermodertes Kernholz: Hier wurde in den Astring hinein geschnitten. Und zwar dort, wo sich kein Kallus gebildet hat. (Apfel)

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Links: Gleichmäßiger, kräftiger  Kallus aber mit Höhlenbildung–> Das Stammholz wurde infiziert. Und gut überwallte Schnittverletzung, beides am Apfel.

4. Wundverschlussmittel:

Die Idee, dem Baum durch Wundverschlussmittel zu helfen ist sehr alt, aber genauso lange wird auch schon darüber gestritten, wie hilfreich es tatsächlich ist. Man hört als normaler Gärtner dies und das und weiß letztendlich nicht, für welche Seite man sich entscheiden soll. Ich wusste es auch nicht. Zuletzt sagte mein Baumfritze, ich solle es lassen und erklärte mir auch warum. Ich war trotzdem unsicher, außerdem hatte ich es schon am Baum.

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In einschlägigen Bibliotheken findet man aber auch mal wissenschaftliche Literatur dazu, in der man Forschung zur Wundbehandlungen durchgeführt hat. Das ist endlich mal eine verlässliche Entscheidungsgrundlage für mich und ich möchte sie breiter zugänglich machen. Ich  habe für dieses Kapitel “Wundbehandlungen an Bäumen” von Dirk Dujesiefken (Hrsg.), 1995, Thalacker Verlag, Braunschweig gelesen.

Es werden Untersuchungsreihe ausgewertet im Bereich: Wundreaktionen bei Bäumen, Bedeutung der Feuchtigkeit für die Wundbehandlung, Physikalische Eigenschaften handelsüblicher Wundverschlussmittel, Untersuchungen zur Anwendung verschiedener Wundbehandlungenmittel  an Ast- und Stammverletzung, zur Wirksamkeit von Wundverschlussmitteln, zur Pflanzenverträglichkeit von Wundbehandlungsstoffen, zur Desinfektion von Stammwunden, Wirkung fungizider Substanzen an Baumwunden, Einfluss verschiedener Sanierungszeiten und Wundverschlussmittel auf die Wundreaktion von Bäumen, Wundbehandlung von Waldbäumen, Behandlung von Baumhöhlen, Behandlung von Baumwurzeln sowie Pflanzenschutzrechtliche Aspekte der Wundbehandlung.

Also wirklich ein sehr umfassendes Buch, ich fasse mal die wesentlichen Forschungsergebnisse zusammen:

Auftrag auf gesundem Holz:

Ganz allgemein belegen die Untersuchungen, dass durch Wundverschlussmittel das Austrocknen der Schnittwunde unterbunden wird, allerdings gibt es noch tiefer liegendere Auswirkungen auf den Wasserhaushalt des  Baumes durch Verletzungen, unabhängig von der Feuchtigkeit an der Schnittwunde. Diese haben mit der Größe und Tiefe der Verletzung zu tun. Darauf hat ein Wundverschlussmittel keinen Einfluss. Hinweis der hier gegeben wurde: Verletzungsflächen bei der wiederholten Nachversorgung nicht vergrößern.

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Don’t Do bei der nachträglichen Entfernung von Totholz den Kallus mit angesägt.

Desweiteren wurde positiv festgestellt, dass mit einen Wundverschlussmittel das Kambium weniger stark zurück trocknet und es weniger häufig zu Kambiumsnekrosen kommt.

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Rechts Nekrose, links Kallusbildung.

IMG_20181105_1312170Dadurch kann eine nachträgliche Vergrößerung der Wunde verhindert werden. (Negativbeispiel auf dem Bild rechts: Das Kambium hat sich weit hinter die Schnittkante zurückgezogen und dadurch einen Stummel exponiert, den es vorher so nicht gab.)

Auch wurde bei der Untersuchung festgestellt, dass bei der Verwendung von Wundverschlussmitteln die Kalluswülste breiter waren. Anderen Autoren nach ( Neely, 1970, sowie  Shigo & Wilson 1977) sei der Effekt auf längere Sicht aber auf längere Dauer nicht stabil.

Eine Infektion mit Pilzsporen kann aber auch durch  ein Wundverschlussmittel nicht verhindert werden. Die Sporen fliegen über die Luft an, oder werden von der Rinde durch das Schnittwerkzeug auf die Wunde gebracht.  Es ist dabei egal, wie schnell man dabei ist. Auch ein nachträgliches Desinfizieren ist nicht möglich. Daher ist die hilfreichste Maßnahme  die Wunden immer so klein wie möglich zu halten. Allerdings kann sich hier der Schnittzeitpunkt begünstigend auswirken. Mehr dazu im Punkt “Wann schneiden?” weiter unten.

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Der Pilz ist schon da.

Aber nur ein Teil dieser Sporen keimt auch, da bestimmte Stoffwechselprodukte des Baumes die Pilze hemmen können. Dafür muss der Baum aber Stoffwechsel betreiben und schnell in eine Abwehrreaktion gehen. D.h.: Der Baum sollte sich in der Vegationsphase befinden.

IMG_20181114_1434089Fungizide Wundverschlussmittel sind nicht hilfreich und sinnvoll, da laut Dujesiefken , 1995, die Minimalkonzentrationen von Fungiziden, die noch nicht phytotoxisch sind, eine unzureichende Breitenwirkung haben. Das heißt, sie wirken zunächst nur gegen einige Pilze, aber auch die Wirkungsdauer ist unzureichend. Bei höheren Konzentrationen wirken fungizide Wundverschlussmittel  aber phytotoxisch. Das heißt, es kommt zu Gewebeschäden und Nekrosen an der behandelten Fläche.  Das hilft der Wundheilung auch nicht weiter, im Gegenteil.

DSC_0870Ein Problem, was dem Wirkgedanken des Luftabschlusses entgegen steht, ist die mangelde Witterungsbeständigkeit von Wundverschlussmitteln. Sie werden porös, kriegen Risse und blättern ab.  Wenn man dem Wirkgedanken folgt, dass die Wunde durch Luftabschluss vor Sporen und Pilzen bis zur vollständigen Überwallung geschützt werden soll, so müsste der Auftrag auch jahrelang geschlossen bleiben.  Aber auch der Kallus hebt häufig beim Wachstum den Wundverschluss ab.

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Mein Klarapfel, ein Baum mit schlechter Grundvitalität. Ich habe hier zum falschen Zeitpunkt geschnitten (Winter). Die Folge: Nur sehr geringe Kallusbildung. Das Wundverschlussmittel (Bienenwachsbasis) bekam schnell Blasen, die aufrissen. Dahinter wurde es dauerhaft schön feucht. (Schwarz= Schimmeleinwirkung). Ich habe den Wundverschluss dann entfernt.

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Gleiche Stelle nach dem Entfernen des verbliebenen Wundverschlussmittels. Darunter: Beginnende Weißfäule.

Also, was tun?:

Nach den Untersuchungsergebnissen von Dujesiefken,1995 wird deshalb dazu geraten nur den Wundrand mit einem möglichst wasserdampfdurchlässigen Wundverschlussmittel zu bestreichen, die Wundflächen des Holzes selbst aber unbehandelt zu lassen

IMG_20181122_1145164<– Links ein professionelles Beispiel, trotzdem ohne Erfolg:

Große Verletzung des Baumes bis aufs Splintholz, auf der Höhe vermutlich ein Verkehrs- oder Baustellenunfall. Die Wunde wurde mit einem Profi-Wundverschlussmittel verschlossen. Wegen der Größe und den Abblättereffekt wurde sogar ein Vlies unter das Wundverschlussmittel aufgebracht. Aber selbst das hat sich abgelöst. Dem Baum hat es nicht gerettet. Es steht nur noch dieser Stummel, drüber wurde er schließlich gefällt.

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Hier sieht man schön das abgerissene und eingerollte Vlies.

Auftrag auf bereits krankem Holz:

Wundverschluss auf krankem Holz wirkt sich negativ verstärkend aus. Zersetzungsprozesse im Holz werden dadurch eher gefördert. (Siewniak& Kusche, 1994) Das Wundverschlussmittel beschützt er die Pilze, die ungehemmt das Holz zersetzen können.

5. Der Schnittzeitpunkt:

im vorigen Abschnitt wurde ja schon das Thema Pilzinfektion der Schnittwunde im Zusammenhang mit dem Schnittzeitpunkt erwähnt. In dieser Hinsicht ergaben Untersuchungen mit luftexponierten Petrischalen Folgendes: Bezüglich der Dichte der Pilzsporen in der Luft, wurde festgestellt, dass  in der warmen Jahreszeit  wesentlich mehr Sporen existent sind als im Späthärbst. Verhältnis 10:1 (Dujesiefken & Seehann 1992) Auch ob  gerade trockene Witterung herrscht oder Feuchte hat naheliegender Weise Einfluss auf den Gehalt der Pilzsporen in der Luft. Er steigt mit der Länge der feuchten Witterung an, jedoch mit einem gewissen Verzögerungseffekt.

Das unterstützt zunächst die Idee,  Bäume im Herbst zu schneiden. Es spricht aber ein viel gewichtigerer Aspekt dagegen: Die Fähigkeit des Baumes schnell auf die Verletzung zu reagieren und sich zu schützen. Diese ist wichtiger als der Pilzsporengehalt in der Luft.

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(Nahezu die gleiche Verletzung, allerdings an zwei verschiedenen Baumarten. Die Linke ist trotz der enormen Größe der Fläche sehr gut verheilt, ganz im Gegensatz zu der Rechten.)

In welcher Vetetationsphase sich ein Baum befindet hat wesentlichen Einfluss auf die Kallusbildung als auch auf das Zurücktrocknen des Kambiums, sowie auf die Verfärbung im Holz. Untersuchungen von von Dujesiefken et al., 1991 ergaben, dass die Verfärbungslänge nach Verletzungen (untersucht an einer Birke) im August und April am geringsten ausfielen. August auf Platz 1.  Die Reaktionsfähigkeit des Baumes auf Verletzungen durch Überwallung und Schutzholzbildung  ist nach dem Laubfall extrem herabgesetzt.  Zur Mobilisierung der Assimilate (energetische Versorgung des Überwallungsprozesses etc.) müssen mindestens über 10 Grad Celsius herrschen. Der sinnvollste Schnittzeitpunkt ist daher April-August. Allerdings gibt es zwei Gründe, die dafür sprechen erst nach dem Blattaustrieb zu schneiden:

1.Grund:  Es gibt Baumarten die zu Anfang der Vegitationsperiode auf Verletzungen mit starkem Bluten reagieren (Walnuss, Hainbuche, Ahorn, Birke) (Dujesiefken , 1995). Für Kirschen empfiehlt sich auch der Schnitt im August.

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Schnitt meiner Kirsche im August IMG_20181114_1439328

2. Grund:  Das bereits erwähnte Gleichgewicht aus Wurzel und Krone: Wenn man merklich Ast und Blattmasse entfernt, entsteht wieder das Energieungleichgewicht (in Beitrag Teil 1 unter Kappung beschrieben) und der Baum bildet sehr starke Reiterationstriebe (auch Angsttriebe, oder Wasserreiser/ Wasserschosser genannt). Schneidet man nach dem vollständigen Austrieb oder im Sommer kann der Baum sich ohne oder so gut wie ohne diese Reiterationstriebe an die Veränderung anpassen. Allerdings nur wenn beim Rückschnitt unter 1/3 der Gesamtmasse aus der Krone entnommen wird. Grundsätzlich sollte man die 30 Prozent aber nie überschreiten und sie gleichmäßig in der Krone verteilt entnehmen. Grundsätzlich ist es für den Baum immer besser, wenn er in kürzeren Intervallen, aber weniger stark zurückgeschnitten wird. (Siewniak& Kusche, 1994)

Der Abstand von sinnvollen Schnittmaßnahmen ist von mehreren Faktoren  abhängig:

  • Baumart
  • Vitalität und Alter des Baumes
  • angestrebte Kronenform
  • Verkehrssicherheit des Baumes

Wenn der Baum Pflanz- und Kronenaufbauschnitt hinter sich hat und sonst gesund ist, reicht ein Schnitt alle 4-7  Jahre.

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Oben: Weniger gut bis gar nicht überwallte Wunden an einem Baum–> Auswirkung des des Schnittzeitpunktes.

Unten: Sehr gut überwallte Wunden. So sollte es aussehen.

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Gute und schlechte Abschotter unter den Bäumen:

Abschotten= Innere Schutzreaktion eines Baumes nach Verletzung–> läuft in tiefer liegenden Schichten des Baumes ab, dem Spintholz. Das Splintholz enthält Parenchymzellen, die als Folge der Verletzung eine Art Wand bilden, die Bakterien, Pilze und andere schädliche Substanzen nicht durchlässt (die Thyllenwand). Es gibt aber auch andere Reaktionen der Parenchymzellen mit gleichem Effekt. Je tiefer man in das Kernholz des Baumes eindringt, desto weniger lebende Parenchymzellen findet man dort vor. Daher: Je tiefer die Verletzung eines Baumes, desto schlechter kann er sich schützen.

  • Zu den guten Abschottern gehören zum Beispiel die Eiche, die Hainbuche, der Walnuss-Baum oder der Ahorn. Diese Baumarten können auch mit 10 cm tiefen Wunden gut umgehen.
  • Besonders schlechte Abschotter leider besonders viele Obstbäume (insbes. Apfel und Pflaume) aber auch Esche, Weide, Rosskastanie. Sie zeigen bereits Probleme bei Wunden über 5 cm Tiefe.

 

Und wenn der Baum schließlich stirbt: Totholz = Habitatholz

Leider ist ist es in Kleingartengartenanlagen oft vorgeschrieben tote oder sterbende Bäume umgehend zu entfernen und zwar samt Wurzelstubben. Das fördert die Ansicht, dass ein solcher Baum nicht mehr wertvoll ist. Das stimmt ganz und gar nicht! Wer kann, mache seinen sterbenden Baum verkehrssicher und lasse ihn stehen:

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Warum nicht so? Hier gibt es viel zu sehen. So viel, dass man eine Bank braucht, um es genießen zu können.

Alt- und Totholz ist ein sehr wichtiger Bestandteil des […]Ökosystems, da es im Lebenszyklus zahlreicher Organismen eine unabdingbare Rolle spielt. So finden beispielsweise Brutvögel Nistgelegenheiten in den Höhlen alter Baumstämme. Im Mulm dieser Hohlräume können sich spezialisierte Insektenlarven entwickeln, was wiederum für Vögel und andere Insektenfresser eine gefüllte Vorratskammer bedeutet. Die im Holz vorhandenen Nährstoffe sind auch eine Nahrungsquelle für Rindenpilze.

Quelle: https://www.wsl.ch/totholz/lebensraum/index_DE

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http://reh-garten.de/wp-content/uploads/2016/04/DSC_1049.jpg

Nashornkäfer

In Mitteleuropa wurden bis heute ca. 8’000 Käferarten nachgewiesen, darunter 1’340 xylobionte* Arten. In der Schweiz sind ca. 6’400 Käferarten bekannt, wovon rund ein Fünftel auf und im Holz lebt. In Deutschland steht die Hälfte der xylobionten Käferarten auf der Roten Liste. Dass so viele holzbewohnende Käfer als gefährdet gelten, deutet darauf hin, dass die benötigten Strukturen und Lebensräume stark gefährdet sind.

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Holzbiene

* (= xylobionte Käferarten)  alle Käfer, die in einer ihrer Lebensphasen auf Holzsubstrat angewiesen sind. Dazu gehören die Borkenkäfer, die das Holz direkt zersetzen, genauso wie der Ameisenbuntkäfer, der sich von den Borkenkäfern ernährt, sowie auch diejenigen Arten, die holzzersetzende Pilze fressen oder vom Mulm leben, wie die Larven des Nashornkäfers.

Aber auch viele Wildbienen sind auf Habitatholz angewiesen. Etwa 50 Arten können als xylobiont eingestuft werden, beispielsweise Holzbienen, einige Wollbienen, Maskenbienen, Blattschneiderbienen, Kuckucks- und Wespenbienen sowie einige Hummelarten. Auch Hornissen sind als Baumhöhlenbesiedler auf Habitatholz angewiesen.

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Je nach Baumart schwankt die Artenzahl der xylobionten Käfer. Die Eiche gilt als die “artenreichste” Baumart. Sie beherbergt ungefähr 650 holzbewohnende Käferarten, während es auf der Buche “nur” 240 und auf der Fichte gerade noch 60 verschiedene Käfer sind.

https://www.waldwissen.net/wald/tiere/insekten_wirbellose/wsl_xylobionte_kaefer/index_DE

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Eine ganz tolle, umfangreiche und informative Seite zu diesem Thema: https://www.wsl.ch/totholz/lebensraum/habitatbaeume_DE

Der Falsche Baum am Falschen Platz:

Fazit: Vorbeugen ist besser als nach hinten fallen:-) Bevor man einen Baum pflanzt,  sollte man sich informieren, wie groß er später mal wird, welche Form er haben wird und wie viel Platz er dadurch insgesamt braucht. Viele Baumarten passen nicht in kleine Gärten, das ist naheliegend. Es gibt extra Baumschulen, die sich auf kleine Obstbäume spezialisiert haben. Natürlich kann man Bäume durch Schnittmaßnahmen klein halten, aber damit muss dann früh angefangen werden und kontinuierlich weiter gemacht werden. Aber das ist dann aufwändig und kostet, wenn man es machen lässt. Wo viel geschnitten wird, kann auch viel verkehrt laufen. Kleine Bäume kann man durchaus klein halten, aber einen großen Baum kann man nicht wieder klein machen.

Zum Abschluss: Best in Show- Bemerkenswerte Exemplare des Formschnitts:

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Kleiner Exkurs ins Bundesnaturschutzgesetz (BNatSchG) sowie §§ 1a und 35 des Baugesetzbuches (BauGB).

Die Eingriffsregelung (auch Eingriffs-Ausgleichs-Regelung) ist im deutschen Recht das bedeutendste Instrument zur Durchsetzung von Belangen des Naturschutzes, das in der „Normal-Landschaft“ greift, also auch außerhalb naturschutzrechtlich gesicherter Gebiete. Grundidee ist ein generelles Verschlechterungsverbot für Natur und Landschaft.

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Mit der Eingriffsregelung sollen negative Folgen von Eingriffen in Natur und Landschaft (Beeinträchtigungen) vermieden und minimiert werden. Des Weiteren sollen nicht vermeidbare Eingriffe durch Maßnahmen des Naturschutzes ausgeglichen werden.

——–> Deshalb- ganz wichtig!!- als Ausgleichsmaßnahme immer ein Vogelhäuschen oder einen weitere Exemplare anlockenden Plastikvogel an den verstümmelten Baum hängen. Das wird von vielen Naturfreunden bereits vorbildlich berücksichtigt. ;-) Platz 1 geht deshalb an  den Baum mit Storch.

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Literatur:

  • Dujeseiefken, D.  (1995): Wundbehandlung an Bäumen, Verlag Bernhard Thalacker, Braunschweig
  • Shigo, A. (1989): Baumschnitt- Leitfaden für richtige Baumpflege, Verlag Bernhard Thalacker, Braunschweig
  • Schigo, A. (1991): Moderne Baumpflege – Grundlagen der Baumbiologie, Verlag Bernhard Thalacker, Braunschweig
  • Siewniak, M. und Kusche, D.(1994): Baumpflege Heute, Patzer Verlag, Hannover

2 Comments

  1. hallo sas,

    wie immer umfangreich informativ, danke für deine ausführlichen erklärungen.
    ich habe ja vom bauschneiden keine ahnung und bin auf ‘fachleute’ angewiesen, aber na, ja, ob das alles so stimmt???
    bei meinem nussbaum habe ich vor ca. 1 jahr an einer alten schnittstelle einen merkwürdigen schwarzen ausfluss entdeckt, wie russ. leider ist die schnittstelle so hoch, das ich von unten nicht genau erkennen kann, ob das holz auch fault oder nicht. ich schicke dir mal ein foto, vielleicht weist du ja, was das ist und ob evtl. gefährlich (für den baum). eine spechthöhle fände ich ja prinzipielle schön, aber wenn es womöglich dem baum ans leben gehen sollte, wäre das eine katastrophe.

    gruss hanna

    • sas

      Dezember 2, 2018 at 9:10 pm

      Hallo liebe Hanna,
      habe Fotos geguckt und soeben eine ganz lange Antwort per Mail geschrieben. Es wäre wirklich schrecklich, wenn das dem Baum doll zusetzen würde.
      Zum Baumschneiden und Vertrauen: Ja das verstehe ich, mir geht es genauso. Es erinnert mich an mein Verhältnis zum Friseur. Man sieht
      halt erst dannach, ob derjenige es gut machen kann. Am liebsten würde ich erst mal ein Interview über Weltansichten bzgl. Baumschnitt führen und mir ein Verschnitt-Portfolio zeigen lassen:-) Vielleicht wird das ja mal Standard, das wäre toll. Beim Wegebau werden ja auch immer Beispiele hergezeigt.
      lg sas

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